Jan Madeus – Architekturfotografie

Mäusebunker Berlin – das Haus, das kaum jemand sieht

Mäusebunker Berlin-Lichterfelde – Südostecke Gebäudeecke des Mäusebunkers in Berlin-Lichterfelde aus der Untersicht: nach außen geneigte Sichtbetonwände mit dreieckigen Fensterelementen, seitlich austretende Luftansaugrohre, Absperrgitter im Vordergrund

Mäusebunker Berlin – das Haus, das kaum jemand sieht

Die meisten Berliner kennen den Mäusebunker von Bildern. Aus einem Artikel über Abriss oder Denkmalschutz, aus einem Feed, aus einer Diskussion darüber, ob man so etwas erhalten muss. Kaum jemand kennt ihn vom Davorstehen. Das liegt nicht an mangelndem Interesse. Es liegt daran, dass man ihn kaum zu sehen bekommt.

Der Bau steht an der Krahmerstraße in Lichterfelde, hinter einer Wohnhauszeile, zwischen Teltowkanal und Hindenburgdamm. Wer nicht weiß, dass er dort ist, fährt daran vorbei. Und wer weiß, dass er dort ist, steht vor einem abgesperrten Gelände.

Was dort steht

Der Mäusebunker heißt eigentlich anders: Zentrale Tierlaboratorien der Freien Universität Berlin, später Forschungseinrichtung für Experimentelle Medizin der Charité. Entworfen haben ihn Magdalena und Gerd Hänska, die Planung reicht bis in die zweite Hälfte der 1960er Jahre zurück. Gebaut wurde von 1971 bis 1981, unterbrochen von einem Baustopp.

Gesamtansicht des Mäusebunkers in Berlin-Lichterfelde: gestufter Sichtbetonbau mit nach außen geneigten Wänden, schrägen Betonstreben im Erdgeschoss, verschlossenen und mit Graffiti übersprühten Toren und Fensterbändern in den oberen Geschossen
Die Gesamtform: gestuft, geneigt, auf schrägen Streben stehend.
AdresseKrahmerstraße 6–12, 12207 Berlin-Lichterfelde
ArchitekturMagdalena und Gerd Hänska
Bauzeit1971–1981
Längerund 117 Meter
Nutzung eingestellt2019
Denkmalschutzseit Mai 2023

Zwei Dinge daran sind wichtiger, als sie klingen.

Das Haus steht auf Schwemmland. Nach der Bauaktenchronologie des Modellverfahrens dauerten allein die Gründungsarbeiten zwei Jahre, rund 1.300 Betonpfähle tragen den Bau. Diese Schwere muss man dem Gebäude nicht zuschreiben. Sie war die Aufgabe.

Und die Rohre, die reihenweise aus der geneigten Wand treten, sind kein Ornament. Es sind Luftansaugrohre. Die Tierlabore lagen aus Sicherheitsgründen tief im Inneren, ihre Belüftung musste nach außen. Der Denkmalschutz hat das anerkannt: Die Fassaden sind einschließlich der Luftansaugrohre in der höchsten Schutzkategorie erfasst. Geschützt ist also ausdrücklich auch das, was viele für das Hässlichste daran halten.

Warum der Bau so schwer zu fotografieren ist

Drei Widerstände, in dieser Reihenfolge.

Die Neigung. Die Längsseiten kippen nach außen. Jede frontale Aufnahme erzeugt eine Trapezform, die der Betrachter als Fehler liest, nicht als Bauform. Entweder man arbeitet aus Distanz und macht die Neigung zur Absicht, oder man geht in die Flucht, bis die Wand zur Schräge wird und die Rohrreihe die Perspektive trägt. Der Mittelweg sieht nach Versehen aus.

Reihe der Luftansaugrohre an der Längsseite des Mäusebunkers: die Rohre treten weit aus der geneigten Betonwand und laufen in der Flucht auf den leeren Vorplatz zu, im Hintergrund Bäume und flache Nebengebäude
Die Rohrreihe trägt die Perspektive.

Das Raster. Die dreieckigen Fensterelemente sitzen streng über die ganze Länge. Bei seitlicher Sonne wirft jedes seinen eigenen Schatten, das Raster wird zum Muster, die große Form löst sich auf. Bei bedecktem Himmel bleibt beides lesbar. Das ist der Grund für die Wetterwahl, nicht die Stimmung. Bei anderen Betonbauten ist es genau umgekehrt: Werner Düttmanns St. Agnes in Kreuzberg braucht das harte Licht, das dem Mäusebunker schadet.

Der Abstand. Das Gelände ist abgesperrt. Es gibt Stellen, von denen aus man nah genug herankommt, dass die Fassade das Bild füllt, und es gibt Ansichten, für die man weit zurück muss, und dann steht die Wohnbebauung im Weg. Ein Standpunkt, von dem aus der Bau frei und ganz zu sehen wäre, existiert praktisch nicht.

Bedeckter Himmel, geschlossenes Tor

Ich war an einem Tag ohne Sonne dort. Kein Kontrast, den man hätte ausgleichen müssen — genau die Bedingung, unter der dieses Gebäude funktioniert. Der Beton bleibt in einem mittleren Tonwert stehen. Was die Bilder trägt, sind die Kanten: Gaubenspitzen, Rohrenden, Brüstungslinien.

Untersicht auf die Fassade des Mäusebunkers: gestufte Betonwände mit dreieckigen Gauben, aufgebrochene und zerstörte Fensterbänder, Graffiti auf dem Sichtbeton, im Vordergrund ein Geländer
Aufgebrochene Fenster, Geländer im Weg — näher kommt man nicht.

An das Haus selbst kommt man nicht. Gitter stehen vor den Aufgängen, ein Teil der Fenster ist von innen verschlossen, andere sind aufgebrochen. Auf dem Beton liegen Graffiti. In den Innenhof bin ich nicht gekommen.

Diese Einschränkung ist kein Nachteil. Sie ist das Motiv. Ein Gebäude, das für Abschottung gebaut wurde und heute selbst abgesperrt ist, lässt sich schwer treffender zeigen als mit dem Gitter im Vordergrund. Was zunächst wie eine Störung wirkt, ist die genauere Aussage.

Die Bilder sind schwarzweiß. Bei diesem Bau ist das keine Stilfrage. Er ist bis auf die Farbe der Rohre einfarbig, und was ihn ausmacht — Neigung, Raster, Masse, Verwitterung — liegt vollständig im Tonwert. Warum Beton in Schwarzweiß überhaupt so gut funktioniert, habe ich an anderer Stelle beschrieben. Wie sehr die Form ein Schiff zitiert, merkt man erst beim Umrunden. Nathan Eddys Dokumentarfilm über den Bau heißt nicht ohne Grund Battleship Berlin.

Was aus dem Mäusebunker werden soll

Ein Abriss war geplant. Seit Mai 2023 steht der Bau unter Denkmalschutz, damit ist der Eigentümer zum Erhalt verpflichtet — diese Pflicht gilt auch für die öffentliche Hand. Über die künftige Nutzung ist damit nichts entschieden.

Das Landesdenkmalamt hat im Modellverfahren zwei Wege skizziert: ein Konzeptverfahren zur Suche nach Nutzungsmodellen oder eine Entwicklung als Public Civic Partnership. Im Gespräch sind Kultur, Forschung, Werkstätten, Archive, Depots, auch Filmproduktion. Dagegen stehen Schadstoffe und Belichtung: In einem Haus, das gebaut wurde, um Licht draußen zu halten, ist Tageslicht die schwierigste Frage. Bemerkenswert ist dabei eine Zahl, die die Charité genannt hat: Allein der Rückbau samt Schadstoffsanierung wurde auf rund 50 Millionen Euro geschätzt. Abreißen wäre also nie die billige Lösung gewesen.

Im Oktober 2025 nannte Landeskonservator Christoph Rauhut das Jahresende 2025 als Ziel für die Erstellung des Konzeptverfahrens. Eine öffentliche Entscheidung dazu ist mir bis heute nicht bekannt.

Ich bin kein Denkmalpfleger. Aber ich glaube, dass ein Haus, das so kompromisslos zeigt, wofür es gebaut wurde, mehr über seine Zeit erzählt als die meisten Bauten, die man schöner findet.

Häufige Fragen zum Mäusebunker

Wo steht der Mäusebunker?

Krahmerstraße 6–12 in 12207 Berlin-Lichterfelde, zwischen Teltowkanal und Hindenburgdamm, hinter einer Wohnhauszeile. Sichtbar vor allem aus der Seitenstraße und vom Uferweg des Teltowkanals.

Kann man den Mäusebunker besichtigen?

Nein. Das Gebäude ist seit 2019 außer Betrieb und für die Öffentlichkeit geschlossen, das Gelände ist abgesperrt. Zutritt gibt es allenfalls bei einzelnen Fachveranstaltungen.

Darf man den Mäusebunker fotografieren?

Vom öffentlichen Raum aus habe ich fotografiert, ohne jemanden zu fragen — dafür gibt es die Panoramafreiheit. Innerhalb der Absperrung gilt das Hausrecht des Eigentümers; wer dort arbeiten will, fragt schriftlich an, und zwar beim Eigentümer, nicht beim Denkmalamt.

Wird der Mäusebunker abgerissen?

Nein. Der Denkmalschutz seit Mai 2023 verpflichtet den Eigentümer zum Erhalt.

Warum heißt er Mäusebunker?

Weil dort Versuchstiere gehalten und gezüchtet wurden. Der Name kommt aus dem Volksmund, nicht vom Bauherrn.

Wann ist das beste Licht für Aufnahmen?

Bedeckter Himmel. Sonne trennt das Fensterraster von der Fläche und zerlegt die große Form.

Mäusebunker — Krahmerstraße 6–12, 12207 Berlin-Lichterfelde. Architektur: Magdalena und Gerd Hänska, 1971–1981. Seit 2023 unter Denkmalschutz. Alle Aufnahmen: Jan Madeus.

Quellen: Landesdenkmalamt Berlin; Modellverfahren Mäusebunker; Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf, „Quo vadis Mäusebunker?“, Oktober 2025; ENTWICKLUNGSSTADT, Oktober 2025; BauNetz, Oktober 2025; ArchDaily, Juli 2023.

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