Hi! Here is Our Latest News

Siloturm, Berlin-Lichtenberg Siloturm, Berlin-Lichtenberg

Was bleibt, wenn ein System verschwindet

Ich glaube, dieser Ort lässt sich nicht über ein einzelnes Gebäude erklären. Er funktioniert nur im Zusammenhang. In Berlin-Lichtenberg, nahe der Herzbergstraße, steht ein ehemaliger Siloturm des VEB Elektrokohle. Rund 42 Meter hoch, gebaut als reiner Zweckbau. Kein Ausdruck, keine Repräsentation. Ein Bauteil eines größeren Systems – das längst nicht mehr existiert. Was geblieben ist, sind Fragmente.

Einer dieser Türme wurde von Brandlhuber+ und bplus.xyz weitergedacht. Ohne Transformation im klassischen Sinn. Kein ikonischer Umbau, keine Überformung. Eher ein präzises Weiterarbeiten am Bestand – und die Jury des BDA Preises 2024 nennt es ein visionäres Fallbeispiel für eine neue Umbaukultur. Das ist ein großes Wort. Und gleichzeitig erstaunlich passend.

Nicht im Objekt liegt die eigentliche Qualität – sondern im Verhältnis.

KONTEXT STATT OBJEKT
Direkt neben dem Turm liegt das Dong Xuan Center. Einer der größten asiatischen Großmärkte Europas. Laut, dicht, funktional. Ein Ort permanenter Bewegung. Der Turm dagegen: still. Schwer. Fast unzugänglich.
Der Turm entzieht sich. Er passt sich nicht an. Und genau dadurch bleibt er lesbar. Für Architekten ist das interessant, weil es eine Haltung zeigt: Umbau bedeutet hier nicht Optimierung oder Aktivierung, sondern Akzeptanz von Differenz.

WAS DAS FÜR ARCHITEKTUR BEDEUTET
Dieses Projekt steht exemplarisch für einen Wandel, der sich nicht mehr aufhalten lässt. Nicht aus ästhetischen Gründen – sondern aus ökonomischen und ökologischen. Der Neubau als Default verliert seine Selbstverständlichkeit. Bestand ist kein Problem mehr, das gelöst werden muss. Er ist ein Ausgangspunkt. Was hier sichtbar wird, ist keine fertige Lösung. Sondern ein Denkmodell: minimal-invasiv, ehrlich, ohne Überformung.

WAS DAS FÜR FOTOGRAFIE BEDEUTET
Für mich als Fotografen liegt die Herausforderung nicht im Gebäude selbst. Der Turm ist visuell reduziert, fast leer – er wird erst interessant durch das, was ihn umgibt. Bilder, die ihn isolieren, verlieren einen Teil der Aussage. Die Spannung entsteht erst im Zusammenspiel mit dem Markt. Eine klassische Heldenansicht funktioniert hier nicht. Sie würde dem Gebäude eine Bedeutung zuschreiben, die es bewusst verweigert. Die Oberfläche – Beton, Alterung, Spuren – erzählt mehr als die Form. Und ein gutes Bild darf unaufgelöst bleiben. Der Kontrast zwischen Stillstand und Bewegung muss nicht harmonisiert werden.

FAZIT
Dieser Ort zeigt etwas, das man nicht sofort sieht: Architektur muss nicht immer antworten. Manchmal reicht es, wenn sie stehen bleibt. Und genau das macht sie – in diesem Fall – relevant.

Siloturm, Berlin-Lichtenberg

You may also like

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Verified by MonsterInsights